Neue Wege finden

Markus Abart ist Leiter des Bereichs Berufsorientierung im Bildungsconsulting der Tiroler Wirtschaftskammer. Im Interview erklärt er, worauf es bei der Wahl der Ausbildung ankommt, welche Unterstützungsangebote Eltern in Anspruch nehmen können und wie das Jahr 2020 die Berufsorientierung beeinflusst hat.

 Wann sollten sich Jugendliche für ihren späteren Beruf entscheiden?

MARKUS ABART: Die Wahl der späteren Ausbildung ist nichts, das von heute auf morgen passiert und dann in Stein gemeißelt ist, sondern ein Prozess, der auch Kurven und Abzweigungen haben kann und darf. Gerade das Jahr 2020 hat uns gezeigt, dass wir immer flexibel bleiben müssen – auch was die Berufswahl und die Art der Arbeit betrifft. Prinzipiell startet die Berufsorientierung bereits im Kindergarten- und Volksschulalter, wo Kinder Berufe und Tätigkeiten spielerisch kennenlernen. Richtig „ernst“ wird es dann meist im Alter von 13 Jahren, wenn auch in den Schulen der Berufsorientierungsunterricht startet.

Wie können Eltern ihre Kinder bei der Berufswahl unterstützen?

Das Wichtigste ist, dass Eltern ihre Kinder dabei unterstützen, eigene Erfahrungen zu sammeln, beispielsweise durch berufspraktische Tage oder Praktika, welche die Jugendlichen auch in der schulfreien Zeit machen können. Heuer findet dieser essenzielle Teil der Berufsorientierung leider nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen statt. Viele Unternehmen und weiterführende Schulen sind derzeit sehr vorsichtig, was die Aufnahme von Praktikanten betrifft. Auch größere Veranstaltungen wie Berufs- und Ausbildungsmessen finden nicht wie gewohnt statt, sondern werden in adaptierter Form online durchgeführt.

Kann damit das Sammeln praktischer Erfahrungen ersetzt werden?

Nein, nicht komplett. Sehr gut in den neuen digitalen Formaten funktioniert das Bereitstellen wichtiger Informationen für die Jugendlichen, beispielsweise durch Informationsvideos oder Podcasts. Auch Webinare und Informationsvorträge zu Themen wie dem österreichischen Bildungssystem oder der Bewerbung haben sich in den letzten Monaten bewährt. Informationsplattformen, stellen kompakt und übersichtlich Informationen zu Ausbildungen und Berufen bereit und bieten auch Unternehmen und weiterführenden Schulen die Möglichkeit, eigene Videos und Ausbildungsangebote online verfügbar zu machen. Auch mit modernen Medien wie 360° Videos mit Virtual-Reality-Brillen, die aktuell produziert werden, kann das Schnuppern in Ausbildung und Unternehmen simuliert werden. Im Idealfall ergänzen und bereichern die neuen digitalen Inhalte in Zukunft die bewährten Angebote, wie das Schnuppern oder die Berufsberatung, beim Finden des passenden Ausbildungsweges für Jugendliche.

Auch die Berufsberatung musste in diesem Jahr neue Wege finden.

Das ist richtig. Viele Institutionen haben verstärkt auf Onlineberatung gesetzt. Auch wir im Bildungsconsulting haben die Onlinetestung und -beratung für Eltern und Jugendliche über Videokonferenztools eingeführt und etabliert. Eine gewisse Skepsis war speziell zu Beginn auf beiden Seiten zu spüren, da die Kommunikation über Mikrofon und Webcam doch Anpassungen erfordert. Dies hat sich mittlerweile gelegt und wir werden auch in Zukunft Onlineberatungen anbieten, da sich damit Fahrzeiten für beide Seiten reduzieren lassen.

Was erwartet Jugendliche und Eltern bei einer Berufsberatung im Bildungsconsulting?

Nach einem Erstgespräch zur aktuellen Ausbildung, beruflichen Vorstellungen und Wünschen der Jugendlichen bearbeiten sie verschiedene Aufgaben am Computer. Dazu zählen unter anderem Aufgaben zum logischanalytischen Denken, mathematische Fähigkeiten, räumliches Vorstellungsvermögen sowie Persönlichkeits- und Interessentests. Mit den daraus gewonnenen Ergebnissen geht es dann gemeinsam mit den Eltern in ein Beratungsgespräch mit unseren geschulten Berufsberatern. Wir legen, neben den wissenschaftlichen Testverfahren, auf diese persönliche Beratung sehr viel Wert, da hier auch immer wieder neue Aspekte für die Entscheidungsfindung auftauchen, die berücksichtigt werden können. Die Ergebnisse der Testaufgaben und die Zusammenfassung der in der Beratung ausgearbeiteten Berufs- und Ausbildungsvorschläge bekommen die Jugendlichen und Eltern dann in Form der Talent-Card zugesandt.

Markus Abart, Leiter des Bereichs Berufsorientierung im Bildungsconsulting der WK Tirol