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Mit der Lehre auf dem Podest

DieFotografen_018 Mit der Lehre auf dem Podest

David Narr ist Prokurist bei Holly Kaffeesysteme und seit Kurzem auch Lehrlingskoordinator der Tiroler Wirtschaftskammer – eine neugeschaffene Funktion, einzigartig in Österreich. Was seine Aufgaben sind und wie die Lehre in Zukunft seiner Meinung nach aussehen sollte, erzählt er im Interview.

Sie sind der erste Lehrlingskoordinator der Tiroler Wirtschaftskammer. Was genau ist Ihre Aufgabe?

DAVID NARR: Immer wieder gibt es von vielen Seiten gute Ideen, wie die Lehre verbessert werden könnte. Leider laufen viele davon in verschiedene Richtungen oder müssen sich ihre Wege mühsam selbst ebnen. In diesem Zusammenspiel aller Beteiligten bedarf es zunehmend einer entsprechenden Koordination und damit verbunden eines Botschafters, der diese und andere Themen rund um die Lehre kommuniziert. Ich freue mich, die Aufgabe übernehmen zu dürfen.

Wie gehen Sie nun vor?

Ich möchte alle, die mit der Lehre zu tun haben, an Bord holen: Schließlich betrifft die Ausbildungsform nicht bloß die Lehrlinge selbst, sondern auch ihre Eltern, ihre Ausbildungsbetriebe , die Ausbilder und nicht zuletzt die Berufsschulen. Wenn alle Initiativen gebündelt werden, kann sich die Lehre noch besser entwickeln. Jungen Menschen muss zudem eine noch bessere Orientierungshilfe in ihrer Berufswahl zukommen.

Welche Entwicklung soll das sein?

Die Lehre steht auf jeden Fall für eine qualitativ hochwertige Ausbildung. Tirol hat hier österreichweit Vorbildfunktion, da in den meisten Betrieben sehr gut ausgebildet wird. Das Potential ist aber unerschöpflich – niemand hindert uns daran noch besser zu werden. Auch die Ausbildung in den Fachberufsschulen kann sich stetig weiter entwickeln. Wir wollen Betriebe und Schulen gezielt bei der Entwicklung ihrer Ausbildung unterstützen. Ein weiteres Ziel ist es, dem Ansehen der Lehre endlich den Wert zukommen zu lassen, der ihr schon lange zusteht. Eine praktische Lehrausbildung steht einer rein theoretischen Schulausbildung in nichts nach. Das muss jedem klar sein.

Wie kann das Ansehen der Lehre gehoben werden?

Die Lehre ist eine vielseitige, flexible, praktische, fordernde Ausbildungsform. Trotzdem glauben immer noch viele, dass sie nur ein Ausweg für Jugendliche ist, die in der Schule wenig Perspektive für sich sehen. Vermutlich liegen die Gründe in irreführenden Prestige-Fantasien, wonach ein Studium ein Leben in Glitzer und Glamour ermöglicht, wohingegen die Lehre dumpfes Arbeiten sei. Natürlich entspricht weder das eine noch das andere auch nur annähernd der Wahrheit. Es ist unsere Aufgabe, das jedem klar zu machen. Eine vollschulische oder universitäre Ausbildung hat ihre Berechtigung. Wir brauchen Architekten, Ärzte und Manager. Wir brauchen aber auch Leute, die Ideen umsetzen können – wir
brauchen die vielzitierten Fachkräfte.

Sind konkrete Schritte bereits angedacht?

Die Errichtung der Stelle des Lehrlingskoordinators ist bereits ein erster Schritt. Die Tiroler Wirtschaftskammer ist damit Vorreiter – nur wir haben eine Stelle, die sich ausschließlich mit Fragen der Lehrlingskoordination beschäftigt. Der nächste Schritt ist die Errichtung eines Lehrlingsrats. Dieser wird sich aus den Vertretern der verschiedenen Wirtschaftssparten zusammensetzen und als einheitliches Sprachrohr der Kammer in Sachen Lehre fungieren. Hier werden auch die Forderungen an die anderen Beteiligten klar definiert. Vor den Betrieben selbst wollen wir noch aktiver mit unseren Ausbildungsberatern vor Ort auftreten: Wie kann man richtig ausbilden? Wie genau erhalte ich Förderungen und wo kann ich weitere Lehrlinge rekrutieren? Das sind beispielsweise Fragen, diedabei konkret geklärt werden können.

Wieso ist Ihrer Meinung nach die Lehre als Ausbildungsform besonders wichtig?

Wir leben in einer turbulenten Zeit. Veränderungen sind an der Tagesordnung. Internet, Handys, Computer und Roboter erleichtern tagtäglich unser Leben. Ständig werden wir mit neuen Erfindungen konfrontiert. Die Welt der Ideen scheint unerschöpflich zu sein. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es neben guten Ideen auch Menschen braucht, die sie umsetzen können. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass die Lehre heute nötiger denn je ist. Noch nie gab es so viele Menschen mit guten Ideen und so wenige, die imstande sind, sie umzusetzen.

Welchen Stellenwert sollte die Lehre also haben?

Dieter Unterberger meinte einmal, dass in seinem Betrieb die Lehre Chefsache sei. Auch mein Vorgesetzter, Herr Bernhard Peskoller, der selbst als Maurerlehrling begonnen hat, bläst ins selbe Horn. Es ist also nicht bloß eine Nebenerscheinung, der man wenig Beachtung schenkt, sondern eine zentrale Zukunftsfrage eines jeden Betriebs. Auch WK-Präsident Christoph Walser betonte schon mehrmals, die Lehre in den Mittelpunkt der Wirtschaft rücken zu wollen. Wir müssen unsere Handlungen mehr an den Anforderungen und Bedürfnissen der Lehrlingsausbildung orientieren, nur so ist die Zukunft unseres Wirtschaftsstandortes nachhaltig gesichert.

Wieso setzen Sie sich so vehement für die Lehre ein?

Ich durfte selbst diese Ausbildung genießen. Ich bin gelernter Installateur, musste aber meinen Beruf aus gesundheitlichen Gründen wechseln. Heute bin ich Prokurist bei Holly Kaffeesysteme. Die Lehre brachte mir die wichtigsten Fähigkeiten bei: Das merkte ich gerade dann, als ich meinen Beruf nicht mehr ausüben konnte und alles neu erlernen musste. Egal wie schwer es war, ich blieb dran und zog es durch. Fragt mich heute jemand, wer ich bin, sage ich als allererstes, dass ich Installateur bin. Darauf bin ich sehr stolz und möchte auch andere dazu ermutigen, es zu sein. Die Lehre hat sich außerdem gewandelt und ist eine moderne und vielseitige Ausbildungsform geworden. Diese Ausbildungsform sollte aufs Podest gestellt werden.

Wie kann das gelingen?

Neben allen möglichen Faktoren, wie Sozialpartnern, Ausbildern und Lehrern sehe ich auch die Lehrlinge selbst in der Verantwortung. Es ist wichtig, dass sie ihren eigenen Beruf auch wertschätzen, sonst können sie das von anderen auch nicht erwarten.

Wieso haben Sie sich damals für die Lehre entschieden?

Eine Schulkarriere kam für mich nicht in Frage. Ich war einfach kein Mensch, der sich für das Theoretische begeistern konnte. Nachdem ich kurz überlegt habe, eine Schauspielschule zu besuchen, entschied ich mich dennoch für die Lehre zum Installateur und habe es nie bereut.

Wie haben Ihre Eltern darauf reagiert?

Sie haben mich dabei unterstützt. Sie fanden es super, dass ich Freude in einem Beruf fand. Aber auch sie mussten sich damals von Bekannten anhören, dass das doch nicht wirklich mein Wunsch sein könnte. Davon ließen sie sich nicht verunsichern – zum Glück!

Wie würden Sie es bei Ihren Kindern handhaben?

Wichtig ist es meiner Meinung nach, Kinder zu nichts zu drängen. Grundlegend stellt sich nämlich die Frage, welche Interessen das Kind hat, welche Talente und welche Fähigkeiten in ihm stecken. Es ist wichtig, mit den Kindern über ihre Zukunft zu reden, ihnen aber nichts einzureden. Die Kinder müssen selbst entscheiden, welcher Weg für sie der richtige ist. Nur so können sie zu glücklichen Menschen heranwachsen.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft der Lehre aus?

Eine Kristallkugel habe ich natürlich nicht. Menschen, die zum Beispiel unsere Gäste in Tirol im Urlaub bekochen, unsere Haare schneiden, unsere Häuser bauen und unsere Autos reparieren, wird es aber – so glaube ich – immer brauchen.

Quelle: Bildung & Karriere in Tirol 2020
Fotonachweis: Die Fotografen

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